Ruhr Veliler Birliği - ELTERNVEREIN RUHR e.V.
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Prof. Dr. Emel Huber

Universität Duisburg-Essen

 

Ansprache in Düsseldorf, 30.März 2008

 

Liebe Türkisch-Liebhaber,

Heute sind wir wegen des muttersprachlichen Türkischunterrichts an Schulen zusammengekommen. Das ist ein Thema, das die Zukunft der türkischstämmigen Kinder betrifft. Denn einer der Faktoren, die die Zukunft der Kinder bestimmen, ist der Schulerfolg. Und einer der Faktoren, die den Schulerfolg bestimmen, ist die Sprachkompetenz. Weil in Deutschland die Schulsprache Deutsch ist, müssen die Kinder vor allen Dingen die deutsche Sprachkompetenz entwickeln. Ohne Frage. Aber, die Erhöhung der deutschen Sprachkompetenz geht mit der Erhöhung der Türkischkompetenz einher. Das heißt, sowohl zur Erhöhung der deutschen Sprachkompetenz als auch zur Entwicklung der Bilingualität ist es sehr wichtig für diese Kinder, dass sie Türkischunterricht an Schulen bekommen.

 

Heute wird den türkischen Eltern nahegebracht, sie sollen Deutsch mit ihren Kindern sprechen. Dies ist zweifellos die beste Methode, den Kindern eine Muttersprache beizubringen. Die beste Mehtode, Kinder zu echten Bilingualen zu erziehen, ist, mit ihnen von ihrer Geburt an in beiden Sprachen zu sprechen. Auf diese Weise bekommen Kinder nicht eine, sondern zwei Muttersprachen. Aber dies zu bewerkstelligen beruht auf zwei Bedingungen. Die erste Bedingung ist, dass die Eltern nicht nur Türkisch, sondern auch Deutsch sehr gut beherrschen. Gut beherrschen bedeutet Beherrschung der deutschen Kindersprache, Beherrschung der deutschen Kinderlieder und –spiele, Beherrschung der deutschen Liebkoseformen, kurz Beherrschung der deutschen Kinderkultur und –kommunikation.

 

Aber nicht jeder, der Kinder hat, verfügt auch über gute Deutschkenntnisse. Im Glauben, etwas Gutes für ihre Kinder zu tun, sprechen auch Eltern, die das Deutsche gar nicht richtig beherrschen, mit ihren Kindern Deutsch. Sie machen aber Sprachfehler und beeinträchtigen dadurch das richtige Deutschlernen ihrer Kinder.

 

Außerdem treffen die Eltern die Entscheidung darüber, in welcher Sprache sie mit ihren Kindern sprechen, nicht nur für die kurze Zeitspanne von wenigen Jahren, bis das Kind in die Schule kommt. Es handelt sich um eine sehr langwierige Entscheidung. Eltern, die in den Baybyjahren deutschsprachige Gespräche wie „Möchtest du Wasser? / Wo ist der Ball  erfolgreich führen können, geraten in Schwierigkeiten, wenn  später die Gesprächsthemen sich erweitern oder wenn Diskussionen auf der Tagesordnung stehen. Und das schadet der Kind-Eltern-Beziehung. Das heißt, es ist richtig, dass Eltern, die über gute Deutschkenntnisse verfügen, mit ihren Kindern neben Türkisch auch Deutsch sprechen; diejenigen jedoch, die Schwierigkeiten in der deutschsprachigen Kommunikation haben, schaden dadurch sowohl den Kindern als auch der Eltern-Kind-Beziehung.

 

Die zweite Bedingung für die bilinguale Erziehung des Kindes in der Familie ist, dass dies das gemeinsame Leben der Familienmitglieder nicht beeinträchtigt, dass dadurch manche Familienmitglieder nicht ausgeschlossen werden und das Familienglück nicht gefährdet wird. Denn eine glückliche und intakte Familie ist das Wichtigste für das Kind.

 

Sei es, weil sie sich im klaren sind, dass sie nicht über genügende Deutschkenntnisse verfügen, sei es, dass sie ihre Kinder nur auf Türkisch liebkosen können, die große Mehrheit der türkischen Eltern sprechen heute mit ihren Kindern auf Türkisch. Auf diese Weise erlernen die meisten Kinder Türkisch als Muttersprache und beginnen das Schulleben als türkisch Monolinguale.

 

In der Schule wird dies jedoch überhaupt nicht berücksichtigt. Von den Kindern wird dort verlangt, dass sie das Lesen und Schreiben auf Deutsch lernen. Das bedeutet, dass sie eine ihnen fremde Sprache mit einem ihnen fremden Zeichensystem verbinden müssen und haben deshalb grosse Schwierigkeiten sowohl beim Deutschlernen als auch beim Lesen-und-schreiben- lernen. Das heisst, dass der Fehler wiederholt wird, Kinder Sachen lesen zu lassen in einer Sprache, die sie nicht verstehen: Zuerst begehen diesen Fehler die Eltern, indem sie die Kinder in Korankursen Arabisch lesen lassen, ohne es zu verstehen, dann eben in der Schule bezüglich Deutsch. Dies führt dazu, dass die Kinder das Lesen und Lernen nicht mögen und dass sie den Lesebegriff nicht entwickeln. Oder besser gesagt, sie entwickeln einen falschen Lesebegriff. Ein Kind, das nicht versteht, was es liest, kann das Lesen nicht mögen, kann keine Neugierde entwickeln, will nichts lernen. Und dies beeinflusst den Schulerfolg sehr negativ.

 

Das Lesen und Schreiben wird den Kindern im Normalfall in der Sprache beigebracht, die sie können. So sollte es den türkisch monolingualen Kindern auf Türkisch beigebracht werden. Weil die Kinder in Deutschland leben, ist es am besten, es ihnen auf Türkisch und Deutsch beizubringen. So lernen sie auch Deutsch leichter. Der muttersprachliche Türkischunterricht sollte eben dies bezwecken, nämlich sowohl Türkisch- als auch Deutschkompetenz der Kinder zu erhöhen. Und genau in diesem Sinne werden seit über zehn Jahren an der Universität Duisburg-Essen im Fach Turkistik Türkischlehrer ausgebildet. Diese Lehrerausbildung auch auf die Primarstufe zu erweitern wird einer der wichtigsten Beiträge dazu sein, türkisch-deutsch bilinguale Kinder zu erziehen.  

 

Die Zeit ist vorbei, in der muttersprachlicher Türkischunterricht die Kinder auf die Türkei vorbereiten sollte. Heute muss der Türkischunterricht dazu dienen, Kinder auf das Leben in Deutschland vorzubereiten. Das heißt sie zu türkisch-deutsch bilingualen Menschen zu erziehen.

 

 

 
 
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